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Die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland wird in den kommenden Jahrzehnten nicht nur durch den demographischen Wandel (siehe unter Gesellschaft) bestimmt werden, sondern auch durch viele andere Faktoren. Dazu gehören vor allem die Globalisierung und die zunehmende Konkurrenz auf den Weltmärkten. Nach verschiedenen Prognosen wird China 2050 die größte und Indien die zweitgrößte Wirtschaftsmacht sein; die Wachstumsraten lagen in den letzten Jahren bei bis zu 10%. Während Indien "das Backoffice der Welt" ist, ist China "die Fabrikhalle": In Indien bestreiten die Dienstleister mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung; in China erwirtschaften dagegen die Fabriken mehr als die Hälfte des Sozialprodukts. Hier werden heute 109 Mio. Fabrikarbeiter gezählt - mehr als doppelt so viele wie die insgesamt 53 Mio. Fabrikarbeiter aller G7-Länder.
Ein großer Anteil der globalen Industriekonzerne und sogar viele Mittelständler lassen mittlerweile in China produzieren. In Indien wiederum forschen und entwickeln heute mehr als ein Viertel der 500 größten US-Unternehmen. Und während China im vergangenen Jahr mit einem Verkaufswert von 180 Mrd. Dollar erstmals mehr High-Tech-Ware exportierte als jedes andere Land der Welt, besetzen die Inder knapp die Hälfte des globalen Marktes für IT-Dienstleistungen und für das Outsourcing von Geschäftsprozessen allgemein. Aufgrund des Exportbooms hat China mittlerweile mit rund 2 Billionen Dollar die höchsten Währungsreserven der Welt angesammelt. Zunehmend investieren China und Indien in anderen Ländern. Beispielsweise kaufte Lenovo IBM das PC-Geschäft ab, der Elektronikhersteller TCL übernahm die Fernsehsparte von Thompson aus Frankreich, der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal übernahm die paneuropäische Arcelor-Gruppe.
Aber auch Brasilien und Russland entwickeln sich zu immer größeren Konkurrenten Deutschlands auf den Weltmärkten. Hinzu kommen die "Next-11": Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Iran, Mexiko, Nigeria, Pakistan, die Philippinen, Südkorea, die Türkei und Vietnam. Beispielsweise verzeichnet Vietnam die höchsten Wachstumsraten nach China.
Problematischer dürfte für die deutsche Wirtschaft aber sein, dass die Rohstoffvorkommen immer schneller schwinden: Beispielsweise werden die Ölreserven noch etwa 40 Jahre, die Gasvorkommen 60 Jahre und die Kohlereserven - bei heutigem Verbrauch - noch 155 Jahre ausreichen. Berücksichtigt man das Potenzial an vermuteten Reserven, die stetigen Fortschritte in der Fördertechnologie und die großen Teersand- und Schweröl-Ressourcen, könnten Öl und Gas bis zum Ende des Jahrhunderts reichen. Hingegen dürften die Kohlereserven schneller schwinden, da die Nachfrage rasant anwächst und Kohle bald auch zunehmend anstelle von Erdöl und Ergas verwendet werden dürfte.
Heute werden weltweit 86 Mio. Fass Rohöl pro Tag verbraucht; in 30 Jahren werden es doppelt so viel sein. Die Hälfte der steigenden Nachfrage kommt aus Indien und China. Seit 2004 ist China mit 10% des Weltverbrauchs zweitgrößter Konsument nach den USA. Bei der Kohle haben China und Indien bereits einen Anteil von 45% an der weltweiten Nachfrage. Aber auch andere Rohstoffreserven gehen zurück. So ist mit stark ansteigenden Preisen zu rechnen.
Agrarrohstoffe dürften ebenfalls immer teurer werden, da die Weltbevölkerung bis 2050 von derzeit 6 Mrd. auf über 9 Mrd. anwachsen wird, weil in Schwellenländern bei zunehmendem Wohlstand mehr qualitativ hochwertige Nahrungsmittel, mehr Milchprodukte und mehr Fleisch gekauft werden und da immer mehr Land für die Erzeugung von Biosprit genutzt werden wird.
Neben der zunehmenden Konkurrenz und den steigenden Rohstoffpreisen dürfte die deutsche Wirtschaft auch unter einem wachsenden Fachkräftemangel leiden - nicht nur aufgrund der Bevölkerungsentwicklung. Schon jetzt fehlen Ingenieure, Naturwissenschaftler und ähnlich hoch qualifizierte Fachleute. Ferner sinkt die Qualität der Bewerber um Ausbildungsplätze: Einer Erhebung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zufolge verfügt ein Viertel aller Schulabgänger nicht über ausreichende Kenntnisse im Rechnen und Schreiben.
Der hochqualifizierte Nachwuchs wird auch in den kommenden Jahren fehlen: Beim OECD-Bildungsbericht von 2007 rutschte Deutschland im weltweiten Vergleich von Rang 10 auf Rang 22 ab. Nur 32 Ingenieure kommen hierzulande auf 1.000 Menschen eines typischen Abschlussjahrgangs - in vielen OECD-Ländern sind es dagegen 44. Aber nicht nur bei naturwissenschaftlich-technischen Fächern ist die deutsche Absolventenquote im OECD-Vergleich gering, sondern auch bei allen anderen akademischen Qualifikationen: Deutschland konnte wohl in den letzten zehn Jahren die Zahl der Studenten um 5% steigern - aber die 29 anderen wichtigsten Industrienationen taten dies im Schnitt um 41%. Problematisiert wurden in der OECD-Studie auch die niedrige Abiturientenquote und der hohe Anteil der Studienabbrecher in Deutschland.
In Asien wächst hingegen das Angebot an Hochschulabsolventen in allen für die Wirtschaft relevanten Fächern nahezu explosionsartig an: In Indien verlassen jedes Jahr 700.000 neu ausgebildete Ingenieure und Naturwissenschaftler die Universitäten, in China sind es 550.000. Damit hat sich die Zahl der Abgänger in beiden Ländern innerhalb von zehn Jahren verdreifacht und liegt heute dreimal so hoch wie die Zahl der entsprechenden Abgänger in den Vereinigten Staaten. In Deutschland werden pro Jahr gerade einmal 40.000 Informatiker, Techniker und Ingenieure ausgebildet. Alle Fächer eingerechnet, erhielten 5,7 Mio. Inder und Chinesen 2005 einen Universitätsabschluss. Im Jahr 2025 wird China mehr Studenten haben als Europa und die USA zusammen - trotz abnehmender Bevölkerung. Darüber hinaus hat sich der Anteil Chinas an den weltweiten FuE-Aufwendungen auf knapp 11% (2004) erhöht.
Da intellektuelles Kapital immer wichtiger ist, werden Unternehmen in Zukunft nicht mehr nur nach den traditionellen Bilanzzahlen bewertet werden, sondern auch nach ihren Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, nach gehaltenen Patenten, Urheberrechten und Lizenzen sowie nach ihren Weiterbildungsbudgets. Da weltweit die Kapitalmärkte immer reifer werden und immer mehr Risikokapital da ist, wird es leichter sein, neue Unternehmen zu gründen. Nicht auszuschließen ist, dass manche große Konzerne wieder zerschlagen werden - zum einen von innen, um durch mehr Flexibilität Wettbewerbsvorteile zu erringen, zum anderen von außen, um Monopole und Kartelle aufzulösen.
Auf welchen Gebieten wird sich die deutsche Wirtschaft auf dem Weltmarkt behaupten können? Beispielsweise wird laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger die Umweltbranche im Jahr 2020 mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie. Im Bereich Umwelttechnik arbeiten in Deutschland schon 1 Mio. Arbeitnehmer. Die Zahl wird parallel zu den schnell wachsenden Umsätzen steigen.
Bei Technologiegütern, beim Maschinenbau und bei chemischen Produkten - derzeit wichtige exportorientierte Industriezweige - könnte Deutschland hingegen zurückfallen, zumal hier viel weniger als in anderen Industrieländern in Forschung, Entwicklung und Humankapital investiert wird. Generell liegen derzeit sowohl die FuE-Ausgaben der deutschen Wirtschaft als auch die des Staates unter den Aufwendungen anderer Länder, nimmt der deutsche Anteil an den weltweiten wissenschaftlichen Publikationen ab, werden immer weniger Patente von den Hochschulen angemeldet.
Andere Zukunftsbranchen sind Biotechnologie, Pharmazie, Kosmetik und Nahrungsergänzung. Hier wird zunächst die Forschung und später die Produktion zulegen. In Deutschland selbst werden sich Unternehmen zunehmend auf die wachsende Konsumentengruppe der Senioren einstellen und ihre Produkte an deren Bedürfnisse anpassen. Ältere Menschen dürften in Zukunft mehr Geld für Unterhaltung, Wellness, Bildung, Reisen sowie Gesundheits-, Finanz- und Versicherungsleistungen ausgeben und voraussichtlich mehr in Hightech investieren. Allerdings sollten sich die Geräte leicht bedienen lassen. Auch die Automobilindustrie wird zunehmend Funktionen in Fahrzeuge einbauen, mit denen Ältere bequemer fahren: rückenfreundliche Sitze, Fahrerassistenzsysteme usw. Die Versicherungsbranche wird zunehmend spezielle Senioren-Policen verkaufen, die bei einem Unfall oder einem sonstigen Unterstützungsbedarf bestimmte Dienstleistungen finanzieren (z.B. Kochen, Einkäufe, Wäsche, Wohnungsreinigung). Schließlich dürfte der Pflegesektor aufgrund der zunehmenden Zahl Pflegebedürftiger wachsen, werden mehr Seniorenheime, geriatrische und gerontopsychiatrische Abteilungen in Krankenhäusern und ambulante Dienste benötigt. Mehr soziale Dienstleistungen als heute werden privat (z.B. auf Gegenseitigkeit) oder privatwirtschaftlich organisiert sein.
In der Freizeitindustrie gelten z.B. Fitnessangebote für junge Erwachsene und Singles, Kurzurlaube für kinderlose Paare, Tagesausflüge für Familien und Kulturaktivitäten für Rentner als Wachstumsbereiche. Schon heute investieren die Deutschen jährlich 250 Mrd. Euro in ihre Freizeitgestaltung - zwischen 10 und 20% ihres Haushaltseinkommens. Aber auch für die individuelle Gesundheitsprävention dürfte mehr ausgegeben werden: Hier wächst z.B. die Nachfrage nach Angeboten der Nachsorge, nach fürsorgeorientierten Angeboten sowie nach Entspannungstechniken und Stress-Management. Die Ausgaben für Gesundheitsleistungen werden bis zum Jahr 2020 voraussichtlich um 74% wachsen.
Die Arbeitswelt
Auch in den nächsten 40 Jahren werden die meisten Menschen in Büros und Geschäften tätig sein; Telearbeit wird eine Randerscheinung bleiben. Der Dienstleistungssektor wird weiterhin an Bedeutung zunehmen. Die von Arbeitnehmern verlangte und von ihnen vielfach auch gewünschte Flexibilität bei den Arbeitszeiten wird in Zukunft noch größer werden. Allerdings werden eventuell immer weniger Menschen fest angestellt sein - mit Kündigungsschutz, Tarifgehalt und Extraleistungen wie Betriebsrente. So könnte laut dem Wirtschaftspublizisten Günter Ogger der Anteil der Festangestellten an allen Beschäftigten bis 2050 von jetzt 77% auf bis zu 30% sinken. Die Zukunft wird also risikoreicher sein: Immer mehr Menschen müssen Teilzeitjobs oder befristete Stellen annehmen, zeitweise selbständig werden bzw. zwischen verschiedenen Beschäftigungsformen wechseln.
Da Innovationszyklen einander immer schneller folgen - derzeit innerhalb von fünf bis sieben Jahren -, wird der Beschleunigung der Arbeit weiter zunehmen. Kenntnisse und Fertigkeiten werden immer rascher veralten: Ohne lebenslanges Lernen geht es nicht mehr; viele Menschen werden zwei oder mehr Berufe während ihres Lebens erlernen müssen.
Während der derzeitigen Übergangsphase von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft nimmt die Bedeutung der Produktivkräfte Arbeit und Kapital ab, während Wissen immer wichtiger wird - es ist das "kulturelle Kapital" einer Gesellschaft. Als Wissen werden in sich geordnete Aussagen über Fakten oder Ideen bezeichnet, die sich ein Mensch auf der Grundlage von Informationen, Erfahrungen usw. selbst erarbeitet hat. Informationen sind im Gegensatz zu Wissen nicht personengebunden und können mit Hilfe moderner Technologien weit verbreitet werden.
In der Wissensgesellschaft ist Wissen die prägende Kraft für das menschliche Handeln. Durch die schon jetzt mehr als 6.000 Einzeldisziplinen umfassenden Wissenschaften wird immer mehr Wissen produziert werden. Die Menschen müssen sich immer stärker spezialisieren, da sie nur noch in ganz kleinen Bereichen auf dem Laufenden sein können. Die Arbeitnehmer werden sich immer intensiver mit Informationen befassen; der Zugang zu ihnen wird durch neue Technologien weiter erleichtert werden. Aufgrund der zunehmenden Informationsüberflutung werden an vielen Arbeitsplätzen immer größere Anforderungen an das Wissensmanagement gestellt.
Niedriger qualifizierte Stellen werden seltener werden. So werden selbst für einfache Arbeiten in Zukunft sehr gute IT-Kenntnisse erforderlich sein. Beispielsweise müssen Automechaniker schon jetzt mit Computern und Elektronik umgehen können. Auch benötigen sie ein Grundvokabular in Englisch, da viele Programme in dieser Sprache abgefasst sind.
Wer in der Wissensgesellschaft den Anschluss verpasst, wird nur noch geringe berufliche Chancen haben: So wird voraussichtlich die Kluft zwischen "wissensnahen" und "wissensfernen" Gruppen immer größer werden. Menschen, die mangels verwertbarer Qualifikationen arbeitslos sind, werden es noch schwerer als heute haben, eine neue Beschäftigung zu finden. Da der Staat aufgrund der hohen Ausgaben für Senioren und Kranke nur noch sehr begrenzte Leistungen für Langzeitarbeitslose erbringen kann, wird deren Lebensstandard sehr niedrig sein. Der existentielle Druck wird noch größer als heute, das Vertrauen in die Politik noch kleiner sein. Manche wenig qualifizierte Menschen werden aber in Selbsthilfenetzwerken und in der Schattenwirtschaft ein Auskommen finden - allerdings auf niedrigem Niveau.
Die meisten Tätigkeiten werden sich nur noch in der Kooperation mit anderen erledigen lassen. Die Menschen werden vermehrt in zeitlich begrenzten Projekten arbeiten, wobei sich mit jedem Projekt auch die Zusammensetzung des Teams ändern wird. Deren Mitglieder werden immer seltener denselben Arbeitgeber haben - im jeweiligen Projekt werden Mitarbeiter von mehreren Unternehmen, Kunden und Wissenschaftler aus Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten. Nur so können noch auf effiziente Weise neue Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden - die Produktlebenszyklen werden sich weiter verkürzen, die Entwicklung neuer Produkte wird immer mehr Spezialkenntnisse aus verschiedenen Technologie- bzw. Wissensfelder verlangen, deren Vermarktung wird immer sorgfältiger geplant werden müssen. Zudem werden die Kosten und Risiken von mehreren Unternehmen bzw. Institutionen übernommen. Natürlich muss man auch heute schon sein Wissen mit seinen Partnern teilen. Allerdings lieferte 2007 die Projektwirtschaft nur etwa 2% der Wertschöpfung in Deutschland - 2020 könnten es laut der Deutschen Bank Research schon 15% sein. Vor allem im Mittelstand wird diese Form der Zusammenarbeit sehr profitabel sein, da die relativ kleinen Unternehmen ihre Spezialisierungsvorteile und organisatorische Beweglichkeit bestmöglich nutzen können. Zudem werden in Zukunft viele Selbständige und Kleinunternehmer davon leben, Wissen über Kunden, Märkte usw. zu sammeln, das sie dann an andere Firmen bzw. an Projektgruppen verkaufen.
Die Projektarbeit wird den Arbeitnehmern zum einen mehr Flexibilität und geistige Wendigkeit abverlangen: Sie werden immer wieder an anderen Orten und mit anderen Menschen zusammen arbeiten müssen. Allerdings wird auch häufiger von Videokonferenzen Gebrauch gemacht werden - schon jetzt werden spezielle Büros mit mehreren Bildschirmen und Kameras ausgestattet, können Powerpoint-Präsentationen oder Statistiken gleichzeitig an verschiedenen Orten betrachtet und diskutiert werden. Zum anderen wird von den Arbeitnehmern immer mehr Kreativität verlangt werden - aus "made in Germany" wird "created in Germany", da die Produktion von Gütern weitgehend in anderen Ländern erfolgen wird. Hier kann sich positiv auswirken, wenn möglichst unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten - Unterschiede mit dem größten Potenzial sind jene zwischen Jung und Alt sowie solche zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturräumen. Gut gebildete Ältere werden somit noch voll in das Arbeitsleben eingebunden sein.
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