Martin R. Textor


zukunftsfähig machen:

Kinder in der Schule zukunftsfähig machen

Schulen stehen weltweit vor grundlegenden Veränderungen. Diese werden vor allem von der rasanten Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien vorangetrieben. Lernformen, die Rolle der Lehrer, der institutionelle Rahmen und die Bewertung von Kompetenzen werden sich in den nächsten Jahrzehnten grundlegend wandeln.

Die Bildungsinstitutionen der Zukunft müssen sich viel stärker den emotionalen und sozialen Fähigkeiten des Einzelnen widmen und ein umfassenderes, wertorientiertes Bildungskonzept vermitteln. Die Bedeutung des Erwerbs von Faktenwissen wird erheblich abnehmen zugunsten der Fähigkeit, sich in komplexen Systemen zu orientieren sowie relevante Information zu finden, zu bewerten und kreativ zu nutzen. Es ist ein kompetenzbasiertes Bildungskonzept vonnöten, das auf Grundkompetenzen fokussiert, die im Sinne eines lebenslangen Lernens immer weiter ausgebaut werden können. Dem Lernenden wird im Lernprozess und auch bei der Erstellung von Inhalten eine viel aktivere und eigenverantwortlichere Rolle zukommen. Er wird immer mehr zu einem eigeninitiativen "Entdeckungsreisenden", der sich im Team mit anderen neues Wissensterrain erschließt. Dementsprechend werden Lehrer/innen zu Managern von Lernprozessen, Lerncoaches und Tutoren, die Schüler/innen auf deren individuellem Bildungsweg partnerschaftlich begleiten, ihnen benötigte Informationen geben, Anregungen bieten und sie bei Bedarf unterstützen. Sie werden zu Moderatoren von Lernprozessen in Gruppen, organisieren also Lernteams und fördern den Austausch zwischen den Teilnehmer/innen.

In Zukunft sind also Lernformen vonnöten, die von der klassischen frontalen Unterweisungssituation wegführen. Gruppen-, Partner- oder Einzelarbeit anhand von Lern-, Forschungs- und Arbeitsaufträgen sollten häufig praktiziert werden, da sich in der Kooperation Informationen am leichtesten sammeln und in "sozialen Korrekturschleifen" überprüfen lassen. Lernen muss zu einem selbst gesteuerten, entdeckenden, "lustvollen" und sozial eingebetteten Prozess werden, der eine aktive "Wissenskonstruktion" der Lernenden beinhaltet. Die Resultate können dann schriftlich, mündlich oder multimedial präsentiert werden, wobei die Redaktionsarbeit zusätzliche Lernmöglichkeiten eröffnet. Die Aufgabe der Lehrer/innen ist es vermehrt, die Ergebnisse aus diesen Lernarrangements "einzufangen" und so zu strukturieren, dass auf ihnen aufgebaut werden kann.

Wichtig ist, dass in der Schule mehr IT-Kenntnisse vermittelt werden und vor allem die Nutzung des Internets als Informationsquelle gelehrt wird. Kinder sollten möglichst früh lernen, welche Recherchestrategien sinnvoll sind, wie die gefundenen Datenmengen schnell gesichtet und hinsichtlich ihrer Relevanz und Verlässlichkeit beurteilt werden können und wie sie abgespeichert und verwendet werden können. Ferner sollten Schüler/innen selbst Webinhalte kreieren, eventuell multimedial aufbereiten und in relevante Websites einstellen. Ideal wäre es, wenn jeder Schüler - z.B. ab 12 Jahren - einen eigenen Laptop erhalten würde - oder zumindest einmal pro Woche Unterricht in einem mit Computern ausgestatteten Raum erhalten würde. Alle Kinder sollten frühzeitig in der Schule Maschineschreiben lernen.

Ferner sollten Kinder das Lernen lernen, also Lernkompetenz entwickeln. Lernprozesse - und nicht mehr Lernprodukte - werden zum Gegenstand des Unterricht. Die Schüler/innen befassen sich damit, wie sie Kenntnisse aufbauen, neue Informationen in ihr Wissen integrieren, Probleme lösen und den Lernerfolg selbst kontrollieren. Zugleich sollten sie eine forschende Grundhaltung entwickeln, die auf Neugier, intrinsischer Motivation und ausgeprägten Interessen beruht.

Während die Bedeutung der Naturwissenschaften erkannt und in vielen Ländern der Unterricht in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik intensiviert wurde, fehlen die Ingenieurwissenschaften in den Lehrplänen. Neben dem theoretischen Unterricht sollten Kinder auch möglichst früh lernen, mit Werkstoffen wie Holz, Kunststoff, Metall oder Keramik praktisch umzugehen - sie könnten dabei z.B. nützliche Gegenstände, Geschenke oder Schmuck herstellen. Ältere Schüler/innen könnten technische Geräte auseinandernehmen, deren Bestandteile und ihr Zusammenwirken kennen lernen. Ferner könnten sie selbst kleine Fahrzeuge, Flugzeuge, Maschinen, Solaranlagen oder Roboter bauen. Dieser große Praxisbezug dürfte das Interesse an den Ingenieurwissenschaften intensivieren. Zugleich lernen die Schüler/innen, naturwissenschaftliche Kenntnisse anzuwenden.

Eine größere Rolle sollte auch der Volks- und Betriebswirtschaft zukommen. An allen Schulen sollte dieses Fach über möglichst viele Jahrgangsstufen hinweg unterrichtet werden. Dabei können den Schüler/innen viele Kenntnisse und Fertigkeiten mit Hilfe spezieller Computerspiele vermittelt werden. Beispielsweise gibt es bereits "serious games", in denen Wirtschaftsunternehmen simuliert werden. Schüler/innen lernen das Funktionieren eines Betriebs kennen, indem sie die in Unternehmen üblichen Rollen übernehmen.

Aber auch internet-basierte Spiele könnten in der Schule genutzt werden: In virtuellen Welten (z.B. Second Life) können Schüler/innen ihre Umwelt selbst kreieren, also z.B. Landschaftsformen, Klimazonen oder Gebäude aus verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte bzw. aus gegenwärtigen Kulturräumen nachbilden. Das setzt einerseits voraus, dass sich die Schüler/innen das notwendige Fachwissen aus Bereichen wie Geographie, Architektur, Geschichte und Biologie selbst aneignen, und andererseits, dass sie den Umgang mit den benötigten Werkzeugen erlernen. Hier wird nicht nur Fachwissen miteinander verknüpft, das traditionell in unterschiedlichen Schulfächern unterrichtet wird, sondern es wird auch praktisch angewendet - was nicht nur die Relevanz dieser Kenntnisse für den Schüler zeigt, sondern auch den Lernerfolg verstärken dürfte.

Da das Leben in unserer Gesellschaft stark durch Gesetze und Verordnungen geprägt ist, sollten an Schulen vermehrt juristische Kenntnisse vermittelt werden. Auch aktuelle politische (Grundsatz-) Fragen und gesellschaftliche Probleme sollten im Unterricht aufgegriffen und von den Schüler/innen diskutiert werden. Soziologisches und psychologisches Wissen wird ebenfalls immer wichtiger und sollte deshalb in der Schule vermittelt werden.

Das Lernen kann auch zeitweise aus dem Unterrichtsräumen hinaus verlagert werden: Fallstudien in Kooperation mit Betrieben, Wartung von Schulcomputern und Netzwerken, Projekte, Naturerkundungen, Besichtigungen, Mitarbeit in Ateliers oder Redaktionen etc. führen Schüler/innen an die Arbeitswelt heran und lassen sie Kenntnisse und Fertigkeiten in realeren Situationen erwerben. Schulen und Betriebe bzw. andere Institutionen müssen stärker miteinander vernetzt werden, um Lernenden größere Erfahrungsräume zu eröffnen. Kreative und damit einzigartige (Team-) Präsentationen oder in Portfolios gesammelte individuelle Arbeitsergebnisse bilden eine andersartige Benotungsgrundlage als schriftliche Leistungsüberprüfungen; sie sind der Erwachsenenwelt näher.

Zudem muss die Kreativität der Kinder mehr gefördert werden. Brainstorming, Gedankenblitze und konstruktives Denken sind hier die Schlagworte. Schüler/innen benötigen eine "Kommunikationsmaschine" wie den Computer mit Internetanschluss oder ein webfähiges Handy, die sie bei der Ideenfindung, bei der Umsetzung der eigenen Ideen und beim Aufnehmen wichtiger Wissensmuster unterstützt. Sie gebrauchen Freiräume, um künstlerisch und kulturschaffend tätig werden zu können - auch in digitalen Umwelten. Ältere Schüler/innen sollten oft die Möglichkeit zu Multimediadarstellungen haben.

Lerngruppen können sich auch im virtuellen Raum zusammenfinden - z.B. Schüler/innen aus verschiedenen Ländern, die gemeinsam bestimmte Themen bearbeiten. In diesem Zusammenhang soll auf die Bedeutung von Fremdsprachenkenntnissen verwiesen werden, die in unserer globalisierten Welt immer wichtiger werden. Zu überprüfen ist hier, ob an unseren Schulen wirklich die wichtigsten Sprachen unterrichtet werden. Beispielsweise wird Chinesisch derzeit von 1.140 Millionen Menschen gesprochen, Englisch als zweithäufigste Sprache aber nur von 337 Millionen. Englisch spielt allerdings als Zweitsprache eine größere Rolle: 235 Millionen Menschen haben Englisch gelernt, aber nur 71 Millionen Chinesisch. Englisch gilt als Sprache für die Berufswelt und das Internet, verliert im letztgenannten Bereich aber an Bedeutung: 1991 waren 100% der Texte im Internet in Englisch, 2005 noch 50% und 2007 nur noch 30% (14% in Chinesisch). Andere Weltsprachen mit Zukunft sind Hindi und Arabisch; sie könnten bis 2050 das Englische als Muttersprache überholt haben. Auch die Bedeutung des Spanischen wird zunehmen; in den USA werden bis zum Jahr 2050 Menschen lateinamerikanischer Herkunft, Schwarze und andere Gruppen mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Französisch oder gar Latein und Griechisch werden hingegen an Bedeutung verlieren.

Neben den bereits genannten gibt es noch viele andere Bildungsbereiche, die in der Schule beachtet werden sollten. Dazu gehören z.B. religiöse, ethische und Gewissenserziehung sowie die ästhetische, kulturelle, Musik- und Kunsterziehung. Ferner sollte die motorische und gesundheitliche Entwicklung gefördert werden - zu viele Schüler/innen sind untrainiert, ungeschickt und zu dick. Auch müssen Kinder auf das Leben in einer Freizeitgesellschaft vorbereitet werden, in der sie viele Chancen zur Selbstverwirklichung haben. Sie sollten lernen, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten, und möglichst frühzeitig Hobbys entwickeln.

Da in den kommenden Jahrzehnten der Anteil von Senioren an der Bevölkerung immer mehr ansteigen wird, ist ferner großer Wert darauf zu legen, dass junge Menschen Verständnis für die Lebenslagen und Bedürfnisse der alten haben und mit ihnen gut kommunizieren können. Dann kann der von manchen Fachleuten erwartete Generationenkrieg vermieden werden, da die jüngeren Menschen unter diesen Umständen eher bereit sein werden, auf einen in Zukunft noch zunehmenden Anteil ihres Einkommens zugunsten der Senioren zu verzichten. Aber auch für Behinderte ("integrative Erziehung") und für die unschuldigen "Verlierer" in der Wissensgesellschaft (die weniger begabten, weniger qualifizierten Menschen) muss Verständnis entwickelt werden - und ebenfalls für sie müssen in der Zukunft Berufs- und Lebenschancen da sein. Die Wissensgesellschaft kann es sich nicht leisten, die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Gruppen zu vernachlässigen. Es darf z.B. nicht mehr passieren, dass junge Menschen die Schule verlassen, ohne die Kulturtechniken zu beherrschen!

Bei aller Zukunftsorientierung von Bildungsbemühungen darf aber nicht das Recht des Kindes auf Gegenwart ignoriert werden. So darf man Bildung nicht immer nur unter dem Aspekt "Leistungsfähigkeit für Wirtschaft und Gesellschaft" sehen, sondern auch unter dem Aspekt "Selbstzweck": Bildung soll zugleich zur Entfaltung des inneren Menschseins und der eigenen Individualität führen. Die aktuellen Bedürfnisse von Schüler/innen sind zu berücksichtigen.

Nimmt man die Vorstellung vom lebenslangen Lernen ernst, muss man die Lehrpläne nicht überfrachten und die Kinder mit Wissen "voll stopfen" - zumal in der Wissensgesellschaft Wissen immer schneller veraltet. Erwerben Schüler/innen die erwähnten Kompetenzen, werden sie sich die im Verlauf ihres Lebens benötigten Kenntnisse selbst aneignen können. Die Menschen werden sich in Zukunft Wissen und Fähigkeiten an mehr Lernorten als heute aneignen: an überbetrieblichen Aus- und Weiterbildungseinrichtungen, bei privaten Instituten, durch Konsultation von Experten, durch multimediale Lehr- und Schulungsprogramme, via Internet, im Ausland oder direkt am Arbeitsplatz durch Anleitung erfahrenerer Kolleg/innen. Auch wird es vermehrt modulare Bildungsangebote seitens der Hochschulen und privater Anbieter geben. So werden die Menschen im Verlauf ihres Lebens immer wieder neue Abschlüsse erwerben, werden die Bildungswege immer stärker individualisiert.

Das heutige Bildungssystem leistet noch keine Erziehung und Bildung, die Kinder zukunftsfähig machen. Deshalb ist es höchste Zeit für einen neuen bildungspolitischen Aufbruch! Zum einen müssen die Ausgaben für Kindertageseinrichtungen, Schulen und Universitäten stark erhöht werden - sie liegen derzeit unter dem OECD-Durchschnitt. Zum anderen muss eine höhere Qualität der Bildungsangebote gesichert werden, insbesondere durch eine kontinuierliche externe Evaluation. Das setzt aber voraus, dass den Bildungseinrichtungen mehr Selbständigkeit, Eigenverantwortung und Gestaltungsfreiheit zugestanden werden, da nur so ein Wettbewerb zwischen ihnen entstehen kann sowie kreative und innovative Kräfte mobilisiert werden können. Staatliche Zuwendungen sollten teilweise an Qualitätskriterien geknüpft werden. Es sollte ein flexibles, anpassungsfähiges, "ertragorientiertes" Bildungssystem entstehen, das die Zukunft antizipiert.

Zu überlegen wäre auch, ob nicht eine höhere Qualität schulischer Bildung erreicht werden könnte, wenn im Auftrage des jeweiligen Bundeslandes ein Teil der Lehrplaninhalte von erfahrenen Lehrer/innen und Mediengestalter/innen multimedial und interaktiv aufbereitet und in das Internet eingestellt werden würde. Es könnten so besonders gute Unterrichtselemente entstehen, die entweder von den Lehrer/innen während des "normalen" Unterrichts per Beamer "eingeblendet" oder von den Schüler/innen selbständig genutzt werden (z.B. bei Frei-/ Partnerarbeit, am Nachmittag während der Hausaufgabenzeit, im Rahmen von Projekten oder bei Unterrichtsausfall). Da viele Fachleute an dem jeweiligen Unterrichtselement mitgearbeitet haben, kann eine hohe Qualität desselben sichergestellt werden, und durch die multimediale Aufbereitung werden Lernmotivation und -erfolg bei den Schüler/innen sicherlich höher sein (In Mexiko wurde bereits das gesamte Curriculum für die 10- und 11-Jährigen in das Internet eingestellt. Circa 5 Mio. Schüler/innen erhalten nun ihren Unterricht via die "Enciclomedia").

Ferner sollte auch bei der Bildung und Erziehung von Kindern nach Synergien getrachtet werden: Familie, Kindertageseinrichtung und Schule müssen miteinander kooperieren. Kindergarten und Schule sollten familienergänzend wirken, während die Familie kindergarten- und schulergänzend wirken kann (vgl. hierzu auch die Partnerwebsite "Erziehungspartnerschaft - Bildungspartnerschaft"). Gemeinsam ist man stärker!