Martin R. Textor


zukunftsfähig machen:

Die Zukunft der Gesellschaft

In den kommenden Jahren wird sich Deutschland weiter verschulden. Ende 2009 betrugen die Schulden der öffentlichen Haushalte mehr als 1,6 Billionen Euro - knapp 65% des Bruttoinlandprodukts. Dazu kommt die sogenannte "implizite" Staatsverschuldung, die in Deutschland vor allem aus zwei Quellen stammt: nämlich den Pensionszusagen für Beamte und den erworbenen Leistungsansprüchen an die Sozialversicherungen. Aufgrund von Bevölkerungsrückgang und -alterung können diese Ansprüche in Zukunft immer weniger durch das Umlageverfahren bestritten werden; die Zuschüsse aus öffentlichen Kassen müssen also immer größer werden. Die implizite Staatsverschuldung beträgt nach Mitteilung des Bundes der Steuerzahler schätzungsweise 5 Billionen Euro. Zinslast und Schuldentilgung werden in den nächsten Jahren die politischen Spielräume immer weiter einschränken, zumal das Steueraufkommen aufgrund der sinkenden Zahl Erwerbstätiger zurückgehen dürfte.

Hier wird schon deutlich, dass Gesellschaft und Politik in den kommenden Jahrzehnten vor allem durch die demographische Entwicklung geprägt werden: Bevölkerungsabnahme und Überalterung werden zu großen Problemen führen. So leben in Deutschland derzeit 82,4 Mio. Menschen; 2050 werden es nur noch 69 bis 74 Mio. sein. Es wird immer weniger Kinder und immer mehr ältere Menschen geben - die zudem noch länger leben. So wird für 2050 eine Lebenserwartung bei Geburt von 83,5 Jahren für Jungen und 88,0 Jahren für Mädchen prognostiziert.

Die Anzahl der unter 20-Jährigen bezogen auf 100 Personen im Erwerbsalter - der so genannte Jugendquotient - beträgt heute 33. Er wird sich in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr stark verändern und 2050 schließlich 29 erreichen. Der Altenquotient für das Renteneintrittsalter von 65 Jahren - die Anzahl der 65-Jährigen und Älteren je 100 Personen von 20 bis unter 65 Jahren - liegt aktuell bei 32. Er wird schon in den nächsten Jahren deutlich ansteigen und 2030 bereits 50 oder 52 betragen. Im Jahr 2050 wird er doppelt so hoch ausfallen wie heute. Wollte man den Altenquotienten von 32, wie er für das derzeit gültige Renteneintrittsalter von 65 Jahren besteht, konstant halten, müsste die Altersgrenze im Jahr 2050 bei 74 oder 75 Jahren liegen.

Während heute also 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter für 33 Kinder und 32 Senioren aufkommen müssen, werden es 2050 nur noch 29 Kinder sein, dafür aber 60 bis 64 Senioren. Für Letztere müssen nicht nur die Renten erwirtschaftet werden, sondern auch die Kosten für medizinische Versorgung und Pflege. Alleine bis 2020 wird die Zahl der Pflegebedürftigen um 50% auf 2,7 Mio. wachsen - und bis 2050 auf 4,7 Mio.

Schon in den letzten Jahren standen Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung immer wieder unter Druck - obwohl die Wirtschaft boomte und die geburtenstarken Jahrgänge noch erwerbstätig sind. In Zukunft werden die Arbeitnehmer höhere Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlen müssen und weniger Geld für den Konsum haben; die innerdeutsche Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen dürfte sinken. Die Unternehmen werden die steigenden Sozialversicherungsbeiträge in die Preise hineinrechnen müssen, was den Export in außereuropäische Länder erschweren dürfte. Die zurückgehende Nachfrage, sinkende Investitionen, die mangels junger, kreativer Arbeitskräfte geringere Innovationsfähigkeit und kaum noch wachsende Produktivität könnten dazu führen, dass die Wirtschaft stagniert oder sogar schrumpft.

Irgendwann wird der Punkt kommen, wenn Steuern und Sozialabgaben als ungerecht und unzumutbar erlebt werden. Dann steht die Gesellschaft beispielsweise vor der Frage, ob noch allen Menschen eine gute medizinische Versorgung garantiert werden kann, bis zu welchem Alter bestimmte Operationen sinnvoll sind und wie lange das Leben eines Hochbetagten verlängert werden darf. Allerdings werden Menschen ab 55 Jahren schon ca. 2030 die Hälfte der Wählerschaft bilden. Auch dürften sie viele Spitzenpositionen in Wirtschaft, Kultur und Politik besetzen. Wird es dann eine "aufgeklärte Gerontokratie" geben, die von sich aus die Leistungen für Senioren zurückfährt, oder wird es zu einem "Krieg zwischen den Generationen" kommen?

Falls Deutschland versuchen sollte, den Rückgang an erwerbsfähigen Menschen durch verstärkte Zuwanderung zu kompensieren, könnte die Integrationsfähigkeit des Landes überfordert werden: Auf Seiten der Deutschen könnte es zu einem Rechtsruck kommen, auf Seiten einwandernder Asiaten und Afrikaner zur Bildung von neuen Subkulturen und Ghettos. Ferner ist mit Konflikten zwischen Einwanderern und Bürgern mit Migrationshintergrund zu rechnen, da sie aus unterschiedlichen Kulturen stammen und stärker miteinander auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren.

Auch ohne zusätzliche Einwanderung könnte es in den kommenden Jahren zu wachsenden Spannungen zwischen Deutschen und Personen mit Migrationshintergrund kommen, deren Anteil an der Bevölkerung weiter zunehmen wird. Insbesondere wenig integrierte und sozial benachteiligte Migranten könnten sich radikalen Gruppierungen bzw. Glaubensgemeinschaften anschließen.

Außerdem wird die Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich weiter zunehmen, zumal die Mittelschicht schon seit einigen Jahren immer kleiner wird. Hierzu werden die in der Rubrik "Wirtschaft" beschriebenen Entwicklungen wie z.B. der Rückgang von Normalarbeitsverhältnissen oder die schlechten Arbeitsmarktchancen "wissensferner" Erwerbspersonen beitragen. Die (Kinder-) Armut könnte weiter zunehmen, zumal der Staat aufgrund der hohen Schulden und der steigenden Ausgaben für Senioren weniger Geld als heute für die Unterstützung sozial Schwacher zur Verfügung haben wird. Aber auch die Altersarmut wird wieder zu einem Problem werden, da das Niveau der gesetzlichen Rente stark sinken wird und viele Rentner sich während ihres Erwerbslebens nicht privat abgesichert haben.

Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung wird es immer weniger Schüler geben. So müssen Schulstandorte aufgegeben (mit der Folge längerer Schulwege), Wahlmöglichkeiten reduziert (Abbau von Mehrzügigkeit) und Auszubildende in verschiedenen Berufen zu einer Klasse zusammengefasst werden. Insbesondere in bevölkerungsärmeren Regionen wird es zu einer Reduzierung des Bildungsangebots kommen. Zu befürchten ist, dass das Bildungssystem weiter an Qualität verlieren wird (z.B. zu wenig Abiturienten, zu wenig Studierende, zu viele Studienabbrecher, zu wenig hochqualifizierter Nachwuchs - insbesondere in Natur- und Ingenieurwissenschaften).

Ein positiveres Szenario wäre, dass in Deutschland die Wirtschaft boomt, weil altersgemischte Produktionsteams, in denen junge innovative Hochschulabsolventen mit erfahrenen Managern zusammenarbeiten, sich zu einem Erfolgsrezept entwickelt haben. Die Einwanderung von jungen Menschen aus außereuropäischen Ländern könnte dank wechselseitiger Bereicherung zu mehr Kreativität und Innovation in Wirtschaft, Technik und Kultur führen.

Der Lebensalltag

Die Wohnungen werden "intelligenter" werden; Heizung, Klimaanlage und viele andere Geräte werden von Computern gesteuert werden. Das Internet wird noch intensiver genutzt werden: Schon in den nächsten Jahren wird der Fernseher dank Settop-Gerät zu einem Multimediagerät werden; die Programme können dann auch zeitversetzt gesehen werden. Dank Breitbandanschluss, Highspeed-Netz VDSL und FTTH-Technik (Glasfaser bis nach Hause) können immer größere Datenmengen immer schneller übertragen werden. Das Angebot an Videos und komplexen Computerspielen wird weiter wachsen; immer mehr Orte und Institutionen können via Internet aufgesucht werden. Bereits jetzt besucht mehr als die Hälfte der Menschen eher virtuelle als physische Museen. Auch das soziale Leben wird zunehmend durch das Internet bestimmt. Es wird weniger persönliche Kontakte vor Ort und mehr virtuelle geben. Weitere Nutzungsmöglichkeiten des Internets werden Telearbeit und E-Learning sein - z.B. Videokonferenzen an der Universität.

Die Menschen werden mehr Lebensmittel mit gesundheitsfördernden Bestandteilen essen - Curry mit Power-Algen, Hamburger mit mikroverkapselten Vitaminen, Tomatensalat mit Krebsprophylaxe. Sie werden weiterhin in Supermärkten einkaufen, allerdings immer öfters bargeldlos - und dank RFID (Radio Frequency Identification) ohne Personal an den Kassen. Die Kleidung wird immer häufiger aus neuartigen Materialien sein, die besonders leicht, feuchtigkeitsabweisend, atmungsaktiv oder schmutzresistent sind. Als Kunden werden die Menschen immer souveräner agieren, da sie über interaktive Foren vernetzt sowie über Preise und Qualität der sie interessierenden Produkte und Dienstleistungen gut informiert sind.

Hinsichtlich der eigenen Lebensgestaltung wird das Individuum eher noch größere Freiräume als heute haben; tradierte Lebensformen und Kulturkreise oder in der Jugend übernommene Denk- und Orientierungsmuster werden schnell veralten. So werden Menschen vermehrt durch eigene Anstrengung eigene soziale Strukturen aufbauen bzw. individuelle Wertvorstellungen und Denkweisen entwickeln müssen. Dies kann durchaus auch zu Ängsten und Orientierungslosigkeit führen. Manche Menschen werden sich vermutlich Sekten oder radikalen Gruppierungen anschließen. Die Katholische und die Evangelische Kirche werden weiter an Bedeutung verlieren.